
Ein Gespräch über Liebe, Scheitern, Körpervertrauen und den Mut, immer wieder neu zu beginnen.
Sophie, du beschreibst dein Leben oft als Reise. Wo beginnt diese Geschichte wirklich?
„Vielleicht in Nantes. Ich war frisch nach der Matura dort. Allein. In einem fremden Land.
Und gleichzeitig innerlich noch gefangen in einer Beziehung, die mir nicht gutgetan hat. Drei Jahre lang bin ich immer wieder zurückgegangen, weil ich dachte: Er wird sich ändern.
In Nantes habe ich zum ersten Mal verstanden: Ich kann alleine sein. Ich halte mich selbst aus. Ich brauche niemanden, um Türen zu öffnen.
Und genau in dem Moment, als ich diese Freiheit gespürt habe – stand mein heutiger Mann bei meiner ersten Uni-Veranstaltung vor mir.“
War es Liebe auf den ersten Blick?
„Es war etwas anderes. Viel klarer.
Aber ich habe zuerst alles Alte auf ihn projiziert.
„Er ist bestimmt ein Player.“ „Er meint es nicht ernst.“ „Was will er mit einer Erstsemestrigen?“
Er hat mir nie versprochen, anders zu sein. Er war es einfach.
Wir haben gemeinsam studiert. Er hat mich unterstützt – beim Opernball, beim Auslandssemester, beim Doppelstudium. Er hat mir beim Reisen meinen Freiraum gelassen und war da, wenn ich ihn wirklich gebraucht habe.
Er ist mein Anker, wenn der Wind zu stark weht. Er erdet mich, wenn ich zu hoch fliege. Und baut mich auf, wenn ich am Boden bin.
Er ist mein Zuhause.“
Eure Beziehung war aber nicht immer leicht.
„Nein. Im ersten Ehejahr – oder siebten Beziehungsjahr – standen wir an einem Punkt, an dem wir uns kaum noch verstanden haben.
Ich hatte meinen Job gekündigt, ohne es wirklich mit ihm zu besprechen. Wollte in die Selbstständigkeit. Wollte unabhängig sein. Wollte keine Hilfe annehmen.
Währenddessen lag finanziell viel Last auf ihm.
Ich war abends ständig unterwegs. Wir lebten in verschiedenen Rhythmen.
Wir haben uns nicht verloren – aber wir haben uns fast verpasst.
Was uns gerettet hat, war nicht Romantik. Sondern Gespräche und Zuhören.
Und die Erkenntnis, dass wir beide das Beste füreinander wollen – auch wenn wir es im Moment nicht verstehen.“
Dein Studium war ebenfalls kein gerader Weg.
„Ich bin bei meiner zweiten Prüfung – Mathe – durchgefallen.
Das war neu für mich.
In der Schule war ich nie gescheitert. Aber das Studium hat mir beigebracht, dass Talent nicht reicht.
Man braucht Struktur, Lernpläne und Menschen, die einen unterstützen.
Ich war die Erste in meiner Familie, die studiert hat. Für mich fühlte sich das unmöglich an. Für meinen Mann war es selbstverständlich.
Da habe ich zum ersten Mal verstanden, wie sehr Mindset den Unterschied macht.“
Gab es Momente, in denen du aufgeben wolltest?
„Ja. Einmal in den Sommerferien.
Meine Studienfreunde waren alle fertig mit dem Studium.
Mein Mann war auch fertig und hat gearbeitet.
Ich war bei einer entscheidenden Prüfung durchgefallen und schrieb gleichzeitig an meiner Bachelorarbeit.
Trotzdem hatte ich plötzlich sehr viel Zeit alleine – und wusste nicht wohin mit mir. Ich habe binge-gewatcht. Mich schlecht gefühlt. Mich geschämt wegen meiner Prüfung.
Was ich damals nicht verstanden habe: Ruhe ist kein Rückschritt.
Ein paar Monate später habe ich abgeschlossen – mit einer besseren Note als gedacht.
Heute weiß ich: Manchmal braucht es Pause, um Fokus und Klarheit zu finden.“
Dein Kinderwunsch war eine der prägendsten Phasen deines Lebens.
„Ja. Wir hatten eine Fehlgeburt und am Anfang hat es sich wie ein schlechter Film angefühlt.
Mein Körper hat immer funktioniert – und plötzlich nicht mehr?
Als mir gesagt wurde, dass ich die Schwangerschaft im Spital abbrechen müsste und dann tatsächlich die Tabletten nehmen musste, war meine Welt auf den Kopf gestellt.
Auf der Heimfahrt saß ich tottraurig in der U-Bahn. Die Welt war für alle anderen normal. Nur meine nicht.
Ich musste anderen Menschen vertrauen, die mir sagten, dass da kein Leben heranwächst. Ich hatte Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Angst vor etwas Unumkehrbarem.
Und gleichzeitig war ich selbstständig als Unternehmerin. Habe funktioniert. Mir keine Pause erlaubt.
Diese Zeit hat mich gelehrt, dass mein Körper kein Projekt ist. Er ist ein System, das gehört werden will.
Heute weiß ich: Wenn es mir nicht gut geht, kann ich nichts leisten. Und ich muss es auch nicht.“
Du hast danach deine Selbstständigkeit beendet.
„Ja. Ich war erschöpft vom Neukunden-Spiel. Vom Druck. Von der Illusion, dass Erfolg automatisch Balance bedeutet.
Ich wollte Sicherheit. Routine. Selbstwert. Der Notfalljob hat mir das gegeben – aber er war toxisch. Anschreien ist emotionaler Missbrauch. Auch im Arbeitskontext.
Und trotzdem bereue ich nichts. Ich habe immer mit bestem Wissen gehandelt.
Mein Leben ist kein gerader Karriereweg. Es ist ein Mosaik.“
Wann fühlst du dich am meisten du selbst?
„Mit meiner Familie. Wenn ich keine Maske tragen muss.
Wenn ich albern sein kann. Wenn ich nicht darüber nachdenken muss, wie etwas wirkt.
Sophiora ist mein kleiner Planet – ein Ort, an dem ich genau das teile.
Nicht, um Antworten zu geben. Sondern damit sich niemand allein fühlt.“
Und dein größter innerer Widerspruch?
„Perfektionismus und gleichzeitig dieses „Wird schon passen“.
Manchmal mache ich Dinge schnell fertig, nur damit sie von der Liste verschwinden.
Ich lerne noch.“
Viele definieren sich über Karriere. Du beschreibst deine als „kunterbuntes Mosaik“. Warum?
„Weil ich nie den einen geraden Weg gegangen bin.
Ich habe ausprobiert. Mich umentschieden. Neu angefangen.
Und lange dachte ich, das sei Schwäche.
Heute weiß ich: Das ist Bewegung. Das Leben ist kein Lebenslauf. Es ist eine Reise mit Zwischenstopps.“
Warum „Sophiora“?
„Weil es mein kleiner Planet ist. Ein Raum, in dem ich Gedanken teile, ohne Filter.
Ein Ort, an dem nicht alles perfekt sein muss.
Ein Platz für Menschen, die manchmal denken, sie sind alleine mit ihren Zweifeln.
Ich schreibe nicht, um Antworten zu geben.
Sondern um zu zeigen: Du darfst dich verlaufen. Du darfst zurückgehen. Du darfst ausprobieren und entscheiden, ob es dir gefällt oder nicht.
Und du darfst dich trotzdem auf den nächsten Sonnenuntergang freuen.“

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